Wann wird´s denn endlich ruhig
im Sommer kommt immer erst die erste Bahn über den Westbahnhof die Stadt umrundend und über den Vogelsang herabstürzend, mitten hinein in die Frühschichten, dann der Raucherhusten, dann die Sonne, dann lange nichts (Hausfrauenruhe mit PM (Putzmeditation)), dann kommen die Beuteltier-Mütter, danach die ganzen Familien (die Bier(f)laschen-Versorger) mit all ihren Kindern im Innenhof (verlängerte verlagerte Krippe-Kita, Spielzeit für Väter) und immer dabei: der Vincent und in seiner Aura auch immer dabei: der Anlass zum lauten Losweinen. Dann kommt der der (nicht nennenswert gut, aber auch leidenschaftlich) singende Italiener mit dem lautstarken Tenor und Geltungsbedürfnis, danach wird telefoniert (laut, italienisch), beides mit Zigarette und mit diesen diversen Glimmstengeln wegen der schlechten Luft auf dem Balkon, damit alle was davon haben, von allem: Gesang, Gequatsche Geruchsflash. Es gibt seit 2 Monaten die Lücke von H., dem Fotografen, der jeden Abend seine unsägliche Jazzkunst Level 1 (hau in die Tasten, irgendwie) erneuerte, markerschütternd, schauerlich, Leidenschaften offenbarend, eine Marter, Misstöne durchs ganze Haus, Akkorde jagend, jaulend, zum Stein und Bein-erweichen. Immer um 8, immer 45 Minuten. Danach Sendepause. Bzw. parallel Grillen (Anfeuern, Gestank, Giftgas). Dann kommt die gesellige, internationale spanisch lateinamerikanisch asiatische WG seitwärts im Vorbau zum Kochen zusammen (könnt ihr bitte mal das Fenster zumachen, das Kind kann nicht einschlafen). Gegen 23:00 Uhr kommt die Amsel, klar, hell, ihre schöne Melodie klärt jede dunkle Laune auf, sie tönt aus der Wohnung mit den Vogelvolieren und der Licht-Zeitschaltuhr und dann kommen irgendwann noch die restlichen Bierflaschenaufräumer, alles schön in die Kästen, klunker, und danach die Erschöpfungspause aller Hinterhofanrainer, eine Stunde steht die Stille in der Luft, (das steht hier schon mal drin), und danach geht das alles von vorne los.
An Wochenenden (Samstag, Sonntag, jeweils von 15:00/16:00 Uhr - 20:30 Uhr) trifft sich die Polin aus Etage 1 auf der improvisierten aber nicht zugelassenen und schon gar nicht mitgemieteten Dachterrasse (durch das Wohnzimmerfenster zu erreichen), und lungert dort auf eigens verlegten Holzplatten unterm Party-Sonnenzelt in Liegestühlen mit Getränken mit gebrechlicher Mutter, mit Freund und mit Untermieterin herum, um vertraulich in drei bis vier Sprachen die Woche und die Welt zu reflektieren, auch eine Aktivität, die seit ihrem Auszug vor 3 Monaten wegfällt.
Einmal wurde im Innenhof eine der beiden barmherzigen, weil Natur-Flair verbreitenden Riesentannen abgesägt, die krüppeligere, ein anderes Mal zog Robert mit Mietbulli ins Haus der Familien gegenüber ein, "Hallo! Wie heißt du? Ziehst du hier ein? Hallo Robert! Willkommen in der Hausgemeinschaft! Wir treffen uns nachmittags im HOF!", der insofern passender Mieter war, als dass er den Bulli kaum aus der Hofeinfahrt nach draußen kriegte: Lärm, vor zurück, Gestank.
Ansonsten bleibt diese Reihenfolge und so vergehen die Tage im Sommer.
Im Winter
ist alles ganz genau gleich.
Nur das Grillen fällt manchmal weg.
Luft ist für alle
da, aber damit sie auch gerecht verteilt und jede Portion nachvollziehbar in Beschlag genommen werden kann, stinkt ein jeder, denen ureigenen Eigengeruch verbreitend, munter vor sich hin. Und da der Stuttgarter Mensch von Natur aus nichts riecht, ist es den Einheimischen auch egal und sie muffeln sich so durch ihre Tage und Reviere.
Nicht so die Zugereisten, die empören und wehren sich gegen diese gasförmige Besatzung. Das aber ist wirklich aussichtslos.
Ich will ein Beispiel geben (Berühmt dafür U.B., Biolehrer i.R.): unser Haus der Gerüche:
Etage 1: Der Muff (Müll und menschlich Ungesäubertes, süßer Tod)
Etage 2: Der Kater (Katzenklo, Katzenklo)
Etage 1 und 3: Der Raucher (1,2,3,... Gauloises, Mietuniformen, Privat-Postbotenkluft)
Gegenüber, Etage 3 und 4: die schwarz-weiße Küche mit der schwarz-weißen Frau, der Raucher mit Schmalztolle
Gegenüber schräg unten um die Ecke Etage 1-2, 19:00Uhr: der Zwiebelschmelzer (Pfanni Bratkartoffeln oder Bürger Maultaschen)
Das Hinterhaus an sich (Nachkriegsschutt mit Speis verklebt, zu Ziegeln gepappt und hochgebaut, Mörtelsauerputzmief, Risse, Spalten und Absenkungen inklusive)
Auch unsere Wohnung riecht. Abwechselnd ist es der Kohl, Indien, Wäsche (dreckige und saubere), immer aber riecht es nach Brot. Und da wir immer lüften riecht es nach allen und allem Dunst der Nachbarn. Luft ist für alle!